Die Geburt des Schmetterlings

Meine Schwiegermutter, 92 Jahre alt, ist eine Schmetterlingsfrau. Als leidenschaftliche Gärtnerin sind ihr jeweils im Spätsommer und Herbst die vielen Raupen in ihrem Garten aufgefallen. Überwiegend hat sie die farbenprächtigen Kriechtiere in ihren Rüebli- und Fenchelkrautpflanzen gefunden.  

Sie hat sich gefragt, was passiert mit den Raupen, wenn das Kraut, wie im Herbst üblich, abgeschnitten wird und im Kompost landen? Der Wunsch, das Überleben der Raupen zu sichern, hat sie zu einem Hobby gebracht. 

Seit vielen Jahren schneidet sie im Herbst Krautstiele mit den Raupen daran ab und setzt sie in ein grosses Einmachglas. Die Zweige stehen dabei in einem kleinen flachen Gefäss mit Wasser. Die Gläser schliesst sie mit einem Netz und versorgt die Raupen regelmässig mit neuem Grün.  Solange es noch warm ist, verbleiben die Raupengläser im Schatten ihrer Terrasse und all die Besucher und die Familie beobachten mit Spannung, wie sich die Raupen kugelrund futtern und sich immer wieder häuten, wenn sie grösser werden. 

Wenn die Raupen ausgewachsen sind, hängen sie sich kopfüber an einen Zweig, verbunden und befestigt mit einem selbst gesponnen Seidenfaden Dann beginnt die Verpuppung. Das ist der Start für einen fantastischen Metamorphose Prozess. Der Körper wird komplett ab- und neu aufgebaut. Die Puppe gleicht vom Äusseren her bereits ein wenig dem Körper eines Schmetterlings: Man sieht den Kopf mit Augen, den Rumpf mit Bein- und Flügelansätzen und den Hinterleib. Im Körperinneren dauern die Umbauprozesse an.  

Dies ist der Zeitpunkt, an dem meine Schwiegermutter die Gläser in ihr Gartenhaus oder auch in ihren Keller bringt. Es ist wichtig, dass die Gläser zwar geschützt, jedoch an einem eher kälteren Ort stehen, da die Falter sonst denken könnten, es wäre bereits Frühjahr und dann schlüpfen sie zu früh. Den ganzen Winter über hängt die Raupen-Puppe an einem verwelkten Ast und sieht vollkommen leblos aus. Es ist kaum vorstellbar, dass daraus ein Lebewesen entstehen soll.  Die Puppe ist meist unbeweglich und kann sich aber leicht bewegen, wenn ihr etwas nicht passt und sie sich gestört fühlt.  

Sobald im Frühjahr die ersten Sonnenstrahlen wieder wärmen, kommen die Gläser mit den Raupen wieder ins Freie. Irgendwann, wenn die Wärme anhält schlüpft der Schmetterling und streift seinen harten Puppenkokon ab. Die letzte Phase dieser Verwandlung und die Geburt des Schmetterlings beginnt. Ein spannender und mühsamer Prozess, der sogar ein paar Tage dauern kann. Ein grossartiges Ereignis, das meine Schwiegermutter immer wieder zelebriert. Manchmal bringt sie ein Raupenglas mit zu einer Familienfeier und wir dürfen dabei sein, wenn sie den geschlüpften Schmetterling in die Freiheit entlässt. 

Mein grösstes Erstaunen ist es, welch ein grossartiges, wunderschönes Geschöpf aus dieser nicht gerade lieblichen Raupe entstanden ist. Ich frage mich, was mit allen anderen passiert, die achtlos im Kompost landen.  

«Du kannst sie nicht alle retten», sage ich zu meiner Schwiegermutter.  
Sie lächelt und antwortet: «Stimmt, nicht alle, doch für diese eine, ist es entscheidend!»    

Tipp: Gewürzfenchel oder Rüebli pflanzen, Raupenglas parat stellen, Raupen bis zur Verpuppung füttern und den wunderschönen Schwalbenschwanz vor dem Ausflug einmal auf die Hand nehmen. Ein Experiment und Naturerlebnis für jedes Alter. 

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