Die herausfordernden Seiten des Älterwerdens

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Wir alle ahnen es, älter werden ist nichts für Feiglinge. In den letzten Wochen wurde ich gleich mit mehreren mehr oder weniger «unangenehmen» Facetten dieses Lebensabschnitts konfrontiert.

Über 50? Dann nichts wie los zum Gesundheitscheck. Geht mich nichts an, dachte ich lange Zeit. Irgendwann habe ich mich dann doch zur ersten Mammographie aufgemacht, kostet ja nichts. Und war auch überhaupt nicht schlimm.

Danach macht die Hausärztin «Werbung» für eine Darmspiegelung. Buah, echt jetzt? Dagegen habe ich mich lange Zeit gesträubt. Also nicht wirklich gesträubt, eher keinen Gedanken daran verschwendet. Irgendwann habe ich dann doch nachgedacht, eigenverantwortlich gehandelt und mich angemeldet. Und – welch Überraschung – auch diese Vorsorgeuntersuchung war überhaupt nicht schlimm. Von der Vorbereitung auf den Eingriff mal abgesehen. Erleichtert, dass alles so gut gelaufen ist und nichts «Bösartiges» gefunden wurde ging ich frohen Mutes nach Hause. Leere den Briefkasten und was finde ich darin? Das Aufgebot für die nächste Mammographie. Ja, Universum, ich habe verstanden. In meinem Alter muss man sich Zeitfenster für Vorsorgetermine im Kalender blockieren. Immer und immer wieder.

Viel schwieriger wird es aber, wenn sich das Alter nicht direkt bei mir bemerkbar macht, sondern bei meinen Angehörigen.  

Demenz: Der schmale Grat zwischen Selbstbestimmung und Bevormundung

Irgendwann trifft es viele von uns und die Rollen werden vertauscht: Kinder müssen Verantwortung für ihre Eltern – oder für kinderlose Verwandte – übernehmen. Keine leichte Aufgabe, denn der Grat zwischen Selbstbestimmung und Bevormundung ist schmal.

Ganz leise und lange Zeit unbemerkt hat sich die Krankheit angeschlichen. Und plötzlich zeigte sie sich in verschiedenen Alltagssituationen: Bancomat-Code vergessen, Überforderung bei der Nutzung des Handys, keine Entscheidungen mehr treffen können oder schon mit der Erstellung der Einkaufsliste überfordert sein. All diese Beeinträchtigungen haben sich während des ersten Lockdowns sichtbar gemacht und das nächste Umfeld zum Nachdenken und zum Handeln gebracht. Zu dieser Zeit fuhr die Erkrankte noch selber Auto und sah es nicht ein, weshalb die Familie sie als fahruntüchtig einstufte. Da galt es, ernste Gespräche zu führen, über mögliche Gefahren aufzuklären und gut zuzureden. Widerwillig hat sie dann den Führerschein abgegeben. Auch die Patientenverfügung und der Nachlass musste geregelt werden, damit wir die Wünsche der Betroffenen schriftlich festhalten konnten, solange diese noch dazu fähig waren.

Das Verleugnen der eigenen Krankheit macht es für die Angehörigen fast unmöglich, Hilfe ins Haus zu holen. Solange die Betroffene immer noch der Meinung ist, dass sie alles allein schaffen würde, wenn sie es denn wollte, bleibt der grosse Anteil der Betreuung am betagten Ehepartner hängen. Welcher, verständlicherweise, tagtäglich an seine Grenzen stösst.  Aber auch seine Uneinsichtigkeit, dass dringend externe Hilfe geholt werden müsste, macht uns Angehörige hilflos. Wie lange können wir zuschauen, wie die beiden allein in ihrem Haus kutschieren? Wann müssen wir – gegen den Willen beider – Massnahmen ergreifen und Hilfe «aufzwingen»? Es sind schwierige Entscheidungen, die Angehörige treffen müssen. Aber als oberster Leitsatz sollte gelten, die Interessen der Betreuten zu respektieren, auch wenn diese manchmal schwer zu verstehen sind.

Mir wurde bewusst, dass auch ich nicht die Augen vor den unschönen Seiten des Alters verschliessen darf, um bei Krankheit und im Alter selbstbestimmt leben zu können. Und da geht es um viel mehr als um einen Gesundheitscheck.

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