Filmtipp: Meine Stunden mit Leo

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Auf Englisch gefällt mir der Filmtitel besser: Good Luck to you, Leo Grande. Auch weil das Wort «Grande» = Grossartig darin vorkommt. Denn der Film ist genau das: grossartig. Beim Vorfilm alleine könnte man auf eine Komödie schliessen aber die Themen, die darin behandelt werden sind zu ernst.

Und Emma Thompson, die hervorragende Schauspielerin, spricht darin so viele Themen an und wirft so viele Fragen auf, die wir auch haben können, wenn wir ein aktiveres Sexleben haben oder hatten als die ehemalige Lehrerin, die nach dem Tod ihres Mannes im Pensionsalter noch einmal wissen möchte, was es denn in puncto Sexualität noch zu entdecken gibt. Ihre Erfahrung ist minim, was man sich vom Callboy, den sich sich mietet, gar nicht sagen kann. Er ist bereit, ihr alle Wünsche zu erfüllen, urteilt über niemanden und nichts und erst als sie erfährt, dass seine älteste Kundin über 80 war beginnt sie sich etwas zu entspannen. Natürlich reicht eine Stunde mit Leo (gespielt vom ziemlich unbekannten aber brillanten Daryl McCormack) nicht aus. Die beiden entwickeln eine sehr intime Beziehung und lernen im Endeffekt beide voneinander. Was mir gefällt ist, dass der Film nie kitschig wird, nie in Klamauk verfällt sondern das Thema der sexuellen Erfahrungen wirklich auch von einer sehr sensiblen Seite beleuchtet. Aber definitiv: es kann gelacht werden, vor allem, weil man sich ja auch bei einigen Gedanken, die ausgesprochen werden, durchaus selber ertappt fühlt.

Bevor ich den Film gesehen habe, bin ich schon in einer Late Night Show in einem Interview mit der britischen Schauspielerin Emma Thompson darauf aufmerksam geworden. Denn es gibt im Film einen Moment, da steht Emma Thompson eine fast unangenehm lange Zeit splitternackt und alleine vor dem Spiegel. Sie meinte im Interview: das sei eine schwierige Szene gewesen aber sie war erstaunt darüber, dass sie nach dem ganzen Thema mit Akzeptanz des eigenen Körpers wohl sehr verletzlich gewesen sei, vor allem, weil die Aufnahme gar nichts beschönigt hat und dass wir lernen müssen, das einfach zu akzeptieren und vor allem aufzuhören, darüber zu urteilen. Einfach wirklich die nackte Tatsache. Und da kann man versuchen alles schön zu reden und von Body Positivity zu schwärmen. Aber der Anblick wirft bestimmt bei jeder Frau (und wohl auch bei jedem Mann) einfach die Frage auf: wie gehe ich mit dem älter werden meines Körpers um – auch wenn ich im Kopf immer noch jung und kindlich denke? Was für eine Beziehung habe ich zu meinem Körper? Wann schämen wir uns und wofür? Emma Thompson hofft damit, dass wir alle eine bessere und natürlichere Einstellung zu unserem eigenen Körper erfahren und nicht wegschauen, wenn wir das nächste Mal in den Spiegel schauen.

Dass der Humor dabei und im Zusammenspiel mit einem Partner nicht fehlen darf, das wissen wir selbst wohl auch aus eigener Erfahrung.

Den Film gibt es in der Zwischenzeit bereits auf DVD.

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