Für Land die eigene Grossmutter umbringen?

/

 

Ganz aufgeregt hatte mich 2021 auf das kenianische Filmfestival in Zürich «Magical Kenya» im Xenix hingewiesen. Ich habe alles Geplante auf Eis gelegt und bin nach Zürich gedüst, denn kenianische Filme lasse ich mir nicht entgehen, da ich ja zwischen den beiden Welten Schweiz und Kenia hin und herpendle. Den einen «Rafiki» kannte ich schon aber ich könnte ihn hier auf dem Land in Kenia nie zeigen, denn es geht um eine homosexuelle Beziehung zwischen zwei Frauen in Nairobi. Klar, dass es existiert, aber in dem Landesteil in dem ich mich aufhalte würde ich wahrscheinlich in ein ganz schiefes Licht geraten, wenn ich das Thema gleichgeschlechtliche Liebe thematisieren würde. Ich mache es manchmal in Gesprächen und vor allem dann, wenn mich Leute fragen. Aber fast ein bisschen hinter vorgehaltener Hand. Es gab aber noch mehrere spannende Filme und ich wollte natürlich so viele wie möglich ansehen. Also entschied ich mich für «Something Necessary», der die Gewalt nach den Wahlen 2007 thematisierte und «The Letter», ein Film der 2021 für einen Oscar nominiert war und ganz in der Nähe von unserem Wohnort in Kenia spielte. Vor allem der Inhalt interessierte mich, denn mein Mann ist Politiker in Kenia und hatte genau dieses Thema bereits vor Ort weiterverfolgt.

Es geht darum, dass ältere Menschen – vor allem wenn sie weisse Haare und allenfalls noch rote Augen haben, gerne als «Hexer» und «Hexen» bezeichnet werden. Als Leute, die sich dem Teufel verschrieben haben und denen man diesen Teufel austreiben muss. Dazu sind alle Mittel recht und im Endeffekt geht es darum, sich das Land dieser Menschen anzueignen und sie aus dem Weg zu schaffen. Das klingt für uns absurd – ist aber in Kenia doch etwas, das allzu oft vorkommt. Genau das hat mein Mann bekämpft – aber nicht mit Kampf sondern mit Aufklärung, damit man solche Tendenzen früh genug erkennt und auch entsprechend aufdecken kann.

Ich sass also extrem fasziniert in diesem Film und war sogar sehr erstaunt, dass ich vieles verstand, denn es wird im Film nicht nur «Suaheli» – eine der Landesprachen – gesprochen sondern auch die sehr lokale Sprache der Giriama. Mir war sogar, als hätte ich einige der Mitspielenden persönlich erkannt. Auf jeden Fall waren mir die Schauplätze sehr vertraut und das ganze Leben liess mich immer wieder denken: ja genau so ist es vor Ort.

Die Filmbeschreibung ist so:

Atmosphärisch starkes Familienporträt in einer ländlichen Gemeinschaft, deren Werte durch Kolonialismus und Habgier zerrüttet worden sind.

In der Küstenregion von Kenia bringt die verheerende Mischung von Gier und christlich geprägtem (Aber)glauben Hunderte von Familien gegen ihre Ältesten auf, die als Hexen gebrandmarkt werden und denen ihr angestammtes Land gestohlen werden soll. Als der Musiker Karisa vernimmt, dass seine geliebte Grossmutter der Hexerei bezichtigt wird, reist er von Mombasa zu ihrem ländlichen Zuhause, um herauszufinden, wer hinter der Anschuldigung steckt. Der örtliche Pfarrer macht schliesslich einen Vorschlag, um die Lage zu entschärfen. Vor der oft intimen, aber nie aufdringlichen Kamera von Christopher King, untermalt von einem melancholischen Soundtrack, gewährt dieser Dokumentarfilm Einblick in einen durch Habgier ausgelösten Familienkonflikt.

Der Trailer des Films mit deutschen Untertiteln:

Nach dem Film war ein Zoom Gespräch mit der Regisseurin angesagt und danach ging ich sofort nach Hause und wollte gleich Kontakt mit ihr aufnehmen, denn diesen Film wollte ich sofort in Kenia zeigen. Es hat dann bis im letzten November gedauert, bis der Kontakt entstanden ist. Ich hoffe, dass ich ihn hier bald ausleihen und zeigen kann und damit der Bevölkerung aufzeigen kann, wie absurd solche Anschuldigungen sind. Die Regisseurin hat mir sogar versprochen, dass einer der Hauptdarsteller ebenfalls anwesend sein wird und auch zur Aufklärung beiträgt. Erlöse aus diesem Film gehen zum Teil ebenfalls an die betroffene Familie und in die Aufklärungsarbeit, damit solche Dinge nicht mehr passieren in der Zukunft.

Es ist wieder ein Beispiel dafür, dass man einfach manchmal zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein muss. Den Film in der Schweiz zu sehen, wird eher schwierig sein aber auf der Trigon Filmseite kann man sich bewerben, wenn man ihn an einem Ort aufführen möchte. Für mich kam er wie gerufen, denn das Thema ist bei uns schon lange auf der (langen) «To Do» Liste.

Für alle, die ihre Grosseltern ehren wird dieser Film viel Unverständnis hervorrufen aber es ist halt einmal mehr so: andere Länder, andere Sitten.

https://www.the-letter.org/ und https://www.trigon-film.org/de/movies/The_Letter

Schreib uns

und wir antworten