Ich bin entpflichtet

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Das Gehirn kennt keine Pensionierung


Paul Schibler (1930 – 2015), Schweizer Aphoristiker

 

Vor zwei Jahren hatte ich bei meinem Arbeitgeber die Möglichkeit aus dem offiziellen Angestelltenverhältnis auszusteigen. Es mussten konkret 200 von 2000 Personen abgebaut werden weil der Geschäftsgang nicht besonders rosig war. Das heisst er war einfach ein ganz kleines bisschen weniger rosig als in den Jahren zuvor, bzw. der Rosenstrauss hatte auch noch ein paar Knospen, die noch nicht erblüht waren oder man hat ein paar Blätter, die lampig geworden waren immer noch in der Vase mit drin.

Ich selber hatte mich schon länger mit einer Selbstständigkeit auseinandergesetzt aber ich gebe zu: bisher war ich noch zu „feige“ dazu. Bis zum 30. Lebensjahr war ich vollkommen unbeschwert unterwegs: das Geld musste einfach für mich alleine reichen und ich scheute mich nicht davor, mehrmals pro Woche auswärts zu essen und mehrmals im Jahr Reisen, auch sogenannte Shopping Trips, zu unternehmen. Es kam natürlich noch erleichternd dazu, dass ich im Tourismus gearbeitet habe und es daher (damals noch) vollkommen normal war einen Sylvester auf den Malediven zu verbringen, weil gerade durch eine Annullation noch drei Plätze frei geworden waren. Mich irgendwo um Vorsorge zu kümmern lag mir damals fern: es hät solangs hätt. Dass ich je ohne einen Job dastehen würde konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, das war sich meine Generation nicht gewohnt. Und hätte ich nicht etwas Neues gewagt sondern wäre beim alten Arbeitgeber geblieben: es wäre mir wahrscheinlich bis zur Pensionierung nicht passiert. Aber mit 46 Jahren passierte nach einer falschen Karriere-Entscheidung genau das und es schüttelte mich heftig durch. Zu diesem Zeitpunkt war ich nicht mehr die vollkommen unbeschwerte Single Frau sondern ich trug die Verantwortung für eine Familie, die ich gewissermassen geerbt hatte. Meine Schwester war mit 25 Jahren an Krebs gestorben und hinterliess 2 Kinder, die ich zusammen mit meiner Mutter aufzog. Das änderte mein unbeschwertes Verhältnis zu den Finanzen ganz plötzlich. Die Verantwortung für eine ganze Familie zu tragen war für mich mit meinem ohnehin schon hohen Verantwortungsbewusstsein eine totale Veränderung. Ich schränkte meine persönlichen Bedürfnisse ziemlich ein, ich budgetierte und ich sagte auch mal Stopp, wenn die Ausgaben zu hoch waren. Durch ganz besondere Umstände landete ich sogar noch in einer Firma eines Betrügers, der sich plötzlich weigerte mein Salär zu bezahlen, was mich in eine ausserordentlich unkomfortable Lage brachte. Wäre ich damals nicht mit einem sehr grosszügigen Lebenspartner zusammen gewesen – ich habe keine Ahnung wie ich das geschafft hätte. Als ich über kleine Umwege dann wieder bei einem soliden Arbeitgeber gelandet war hatte sich meine Einstellung zur Arbeit und zu Geld massgeblich verändert. Ich war einfach glücklich, eine gewisse Sicherheit zu haben und die Kinder bis nach ihrer Pubertät ins Leben begleiten zu können ohne Geldsorgen und Angst, dass es Ende Monat nicht reichen könnte.

Meine Karriere konnte ich auch dort wieder fortsetzen und mich verwirklichen, da ich immer wieder Menschen um mich herum hatte, die mein Potenzial erkannten und es auch förderten (ja manchmal auch forderten). Ich darf ruhig sagen: ich hatte eine extrem tolle Zeit und profitierte von Weiterbildungen und vor allem von viel Freiheit und Gestaltungsraum. Aber je mehr ich nur noch für mich alleine sorgen musste umso mehr kam auch wieder der Gedanke und die Lust an der Selbstständigkeit. Wenn ich manchmal Verträge abschloss mit externen Beraterinnen dachte ich „wow – bei solchen Tagessätzen müsste ich gar nicht so viel arbeiten“. Aber es ist mir natürlich klar, dass man nicht täglich so viel verdient und dass auch viel Arbeit mit Akquisition, Buchhaltung etc. dahinter steckt. Ich fing an, mich mehr und mehr mit dieser Idee anzufreunden. Der Arbeitgeber bot die Möglichkeit, in eine Teilselbstständigkeit zu gehen, was ich zu 20% in Anspruch nahm. So ich  bereits ein bisschen dieses Terrain testen.

Leider gab es dann ein paar Begebenheiten, die mich dazu brachten, die volle Selbstständigkeit früher als geplant ins Auge zu fassen aber ich muss zugeben: meine Abklärungen ergaben, dass es wenig Sinn macht mit 60 eine Selbständigkeit zu beginnen. Jeder Geschäftsaufbau braucht seine Zeit und die lief mir irgendwie davon. Und so hatte ich mich bereits damit abgefunden, bis 64 in derselben Firma zu bleiben als dann die Möglichkeit einer Frühpensionierung auftauchte. Selbst der HR Leiter beantwortete meine Frage, ob das jetzt endlich wagen solle: „So eine Möglichkeit kriegst du in den nächsten Jahren nicht mehr. Wenn du noch Einkommen generieren kannst in den nächsten Jahren dann mach es JETZT.“ Und so kam ich als zu meiner „Frühpensionierung“ mit einem kleinen Zuschuss, den ich ohne diesen Stellenabbau nicht gehabt hätte. Es war ja dann auch noch schön, dass man sagen konnte, weil ich freiwillig gehe kann man unter Umständen eine andere Person behalten, die man sonst hätte kündigen müssen. Es war auf jeden Fall eine win/win Situation und ich darf sogar für denselben Arbeitgeber noch Seminare durchführen und konnte zusätzliche Arbeitgeber:innen gewinnen für die ich spannende Projekte durchführen kann. Aber ich merke schon, wenn mich jemand fragt: „Was du bist frühpensioniert“ dann stimmt das einfach nicht mit mir und meinem Leben überein. Ich antworte dann manchmal etwas zickig: „Ich bin nur von meinem letzten Arbeitgeber pensioniert aber nicht von der Arbeit.“ In Pension geht man meiner Meinung nach, wenn man in ein ländliches Hotel geht und dort längere Zeit übernachtet. Oder meine Grossmutter, die hatte jeweils einen Pensionär – sie nannte ihn Zimmerherr – und er wohnte bei ihr und sie kochte für ihn.

Auf der Suche nach Synonymen fand ich „entpflichtet“ ein sehr passendes Wort: ich habe keine Pflichten mehr wie früher: ich kann schlafen, wann ich will und wie lange ich will. Mein bevorzugter Rhythmus von 02.00 – 09.00 Uhr zu schlafen passte nämlich so gar nie in einen normalen Geschäftsablauf. Das hat sich bestimmt mit Corona und dem vielen Home Office geändert aber ich habe immer wieder festgestellt, dass man Leute, die gerne spät aufstehen eher als bequem oder arbeitsfaul taxiert. Ich geniesse es jetzt aber auch, meine Arbeitgeber:innen auszuwählen, mir zu überlegen, für wen würde ich denn sonst noch Seminare geben und vor allem: welche Art von Seminaren für welche Art von Teilnehmer:innen? Und gerade dieses Jahr sind bei mir noch so tolle Angebote und Ideen reingekommen und so konnte ich 2 ½ Monate in einer Zeitungsredaktion aushelfen, was mir enorm Spass gemacht hat. Und im September werde ich als Volontärin am Zurich Film Festival arbeiten und als Cinefile bestimmt unsäglich spannende und aufregende Erfahrungen machen. Im Winter werde ich dann wieder für längere Zeit an meinen anderen Wohnort in Kenia fliegen und bin sicher: nachdem mein Mann dort in die Politik gewählt wurde gibt es für mich dort auch noch ganz tolle und herausfordernde Aufgaben.

Entpflichtet zu sein macht enorm Spass und ich kann es allen empfehlen, die eine solche Gelegenheit geboten kriegen. Danke an alle, die es möglich gemacht haben. Und danke an alle, die mich nicht fragen: wie fühlt es sich denn jetzt so an pensioniert zu sein? Es fühlt sich nach vollem Leben und Selbstständigkeit an und ich geniesse es!

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