Weder Födlebürgerin noch Fastnächtlerin

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Fit&Funky mit Kostüm

Letzthin habe ich einen Artikel gelesen über die Frage: welche Fasnacht ist die Beste: die Basler, die Luzerner oder die St. Galler und musste schmunzeln: was für eine Frage? Das kann man doch nicht vergleichen und ganz bestimmt ist die St. Galler Fasnacht nicht die attraktivste der drei. Und nachdem ich jetzt 2 Abende in der Kellerbühne im Service ausgeholfen habe muss ich sagen: auch die St. Galler Fasnacht hat etwas.

Ich schicke voraus: ich habe keinen besonderen Bezug zu Fasnacht. Als Kind wollte ich als Cowboy (von Cowgirl hat damals noch niemand gesprochen) an die Fasnacht aber ich durfte keine Chäpseli in meinem Colt haben, da meine Eltern sehr gegen Gewalt waren und ich auch nie einen „Koboyfilm“ am TV anschauen durfte weil dort geschossen wurde.

In meiner Jugendzeit habe ich mich dann auch das eine oder andere Mal verkleidet und war an einem Maskenball aber nie so aus vollem Herzen. In der Ostschweiz war auch die Tradition der dekorierten Lokale immer gross im Kurs und je näher an Österreich man kam umso nackter waren die Tatsachen. Also sind wir da auch als Clique hingefahren und haben uns etwas entsetzt darüber, dass die Frauen sich so billig verkaufen und mal das eine oder andere Hongkong-Würstli gegessen. Dieses Gericht habe ich übrigens nur noch in Rorschach im Rheinfels bei Moni gesehen. Aber auch diese Ära geht zu Ende, da die Moni dieses Jahr pensioniert wird.

Auch wenn ich in meiner Pubertät noch gar nicht frauenrechtlerisch unterwegs war fand ich es immer recht degradieren, dass sich die Frauen da feilboten. Aber es hatte auch einen Reiz des Verbotenen. Für eine gewisse Zeit fand ich Guggenmusiken schon noch lustig. Das hatte auch damit zu tun, dass mein Vater eine Bar hatte und ich dort gute Freunde kennengelernt hatte, weil das Hasibasi in Arbon das Stammlokal der Arbor Felix Hüüler war. Ich habe mich sogar hinreissen lassen, sie an meine Hochzeit ins Burgund einzuladen. Gewissermassen als Völkerverständigung, denn die Schweizer wollten Spiele machen und die Franzosen essen. Ich vergesse nie, dass meine Schwieger-Grossmutter damals beim Anblick der bunt gekleideten Hüüler fragte: „Ist das die Schweizer Nationaltracht“?

Mit meinen Kindern habe ich dann auch den einen oder anderen Ausflug mit an die Fasnacht gemacht und unser Auftritt als Men in Black war ganz amüsant. Aber eben: ein richtiges Fasnachtsherz habe ich nie entwickelt. Als wir im Fit&Funky gebeten wurde, am Fasnachts-Dienstag verkleidet zu kommen habe ich auch ein altes Kostüm als Wonderwoman hervorgekramt. Denn gegen das Verkleiden bin ich überhaupt nicht. Es macht Spass in andere Charaktere schlüpfen zu können und zu sehen, was es mit einem macht und so ein Krimi-Dinner finde ich sogar eine sehr gelungene Art der Freizeitbeschäftigung. Aber ich glaube, ich mag das Verstecken hinter der Maske nicht. Wenn die Fasnacht nur eine Ausrede ist um Fremdzugehen oder Dinge zu sagen, die man sonst nie im Leben sagen würde – das passt nicht zu meiner Lebenseinstellung. Ich finde das heuchlerisch und abstossend.

Als  ich angefragt wurde, ob ich dieses Jahr in der Kellerbühne in St. Gallen aushelfen könne habe ich ein paar gute Freund:innen organisiert und wir hatten viel Spass beim gemeinsamen minimal verkleideten Arbeiten: An meinen Einsätzen ist mir aber ganz klar geworden: der Feminismus hat sich bei mir zum Glück massiv entwickelt und auch die Wertvorstellungen und die Sensibilität zum Themen wie Diskriminierung jeglicher Art. Daher erstaunt es wohl kaum, dass ich die Band, die einfach saugut und alters- wie geschlechtsmässig durchmischt war am Allerbesten fand. Leider habe ich sogar ihren Namen nicht merken können weil er so lang war…

Aber ich finde die Präsentation von Schnitzelbänggen immer noch die originellste Art und Weise Fasnacht zu zelebrieren – egal ob in Basel oder in St. Gallen. Es hat halt ein bisschen etwas von Poetry Slam, einer meiner bevorzugten Kunstformen der Sprache.

Mir ist beim genauen Hinhören bewusst geworden, dass es ganz verschiedene Formen gibt, dies zu tun. Auch wenn fast alle Schnitzelbänggler:innen https://www.fasnachtsg.ch/schnitzelbaengg Themen wie St. Galler Marktplatz, FCSG, Jacqueline Badran, Veganismus, Covid, Magdalena Martullo Blocher, Freiheitstrychler, E-Trotinett, Maria Pappa etc. angesprochen haben: die einen haben es subtil mit einer cleveren Sprache oder sogar mit witzigen Songs gemacht. Andere waren einfach nur plump und banal und diskriminierend. Die Lacher sind mir dann eher im Hals stecken geblieben und dort bleiben sie auch.

Auch wenn ich in diesem Leben keine grosse „Fasnächtlerin“ werde: die St. Galler Schnitzelbängge und natürlich auch das seit 1972 traditionelle Erküren vom Ehren-Födlebürger (Föbü) des Jahres hat etwas sehr Originelles. Vor allem wenn es – wie dieses Jahr – gleich 2 Frauen sind, die diese Ehre erfahren und die sich nicht zu schade sind, sich dafür in die Kostüme von Schwein und Huhn zu stürzen. https://www.fm1today.ch/ostschweiz/stgallen/olma-direktorin-und-pfarrerin-geschwister-bolt-sind-ehren-foedlebuergerinnen-145617332.

Es lebe die Vielfalt und die Entwicklung von Bräuchen, die man auch ab und zu hinterfragen darf.

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